
Heute ist Deutscher Kopfschmerztag. Klingt komisch – ist aber so. Mein Tag sozusagen. Und der Tag von so vielen anderen Migräniker:innen. M-sense nimmt diesen Tag zum Anlass, alle Betroffenen aufzurufen, sich mit der Migräne sichtbar zu machen.
Solchen sogenannten „Awareness“-Tagen zu den verschiedensten Themen stehe ich oft mit einer gewissen Skepsis gegenüber, hinterfrage die Sinnhaftigkeit oder auch die Notwendigkeit. Als mir der Kopfschmerztag heute begegnete und ich über den Hashtag #machmigränesichtbar stolperte, zögerte ich erst, mich zu beteiligen. Dabei trifft alleine der Hashtag es so auf den Punkt! Mach Migräne sichtbar! Einfach mal einen Anlass nutzen, kollektiv nutzen, diese sonst so unsichtbare Erkrankung herzuzeigen. Etwas darüber zu erzählen. Wie oft habe ich in mir schon dieses Bedürfnis gespürt, es hinauszubölken: „SO! geht es mir nämlich! Jetzt gerade wenn wir miteinander sprechen und nachts, wenn Du schläfst! SO!“ Denn es sieht niemand, wie diese Erkrankung, die chronische Migräne, mich mein Leben lang schon begleitet. Sie ist immer präsent. Viele, viele Jahre war sie es in Form von täglichen Medikamenteneinnahmen. Inzwischen kenne ich Madame besser und weiß sie etwas geschickter zu nehmen, auch wenn ein Leben ohne Akutmedikation noch nicht denkbar ist. Zu komplex sind die Auswirkungen dieser Erkrankung, als dass ich sie in einem Smalltalk oder auch einem Kaffe-Trink-Gespräch einer Nicht-Betroffenen näher bringen kann. Etliche Situationen im Alltag sind geprägt von der Erkrankung.
Es ist die Sonne, die selbst bei frühlingshaften Temperaturen zu stark sein kann und ich ständig erwähne, dass ich im Schatten gehen muss. Der Kinobesuch, der mich dermaßen schafft, dass ich danach sicherlich nicht noch „irgendwo was trinken gehe“. Das pünktliche, nahrhafte Essen, dass jetzt nicht noch ein oder zwei Stunden warten kann oder mit einem süßen Schokoriegel überbrückt werden kann. Der Wind, der am heißen Strand jedem angenehm erscheint und mir ins Hirn und in den Nacken schneidet. Der regelmäßige Schlaf, der natürlich auch mal unregelmäßig sein darf – solange ich Triptane dabei habe. Die Vier-Tage-und-“nur“-25-Stunden-Woche, die ich nur noch arbeite, weil alles mehr mich einfach schafft. Die drei freien Tage, die ich jede Woche dringend nötig habe. Immer wieder Menschen erklären, dass mir 20.00-Uhr-Verabredungen in der Regel zu spät sind. Die Geräuschkulisse in einem vollen Restaurant, die nach spätestens zwei Stunden ein langsames Hämmern in meinem Kopf einleitet. Der ständige Seitenblick zu meinem Gesprächspartner in einer geselligen Runde, der mir nächsten Tag den steifen Hals und die Migräne verschafft. Die romantisch flackernde Kerze auf dem Essenstisch, die meine Augen nicht ertragen. Die Non-Stop-Kommunikation bei meiner Arbeit, die an manchen Tagen mein Auge zucken und mich nach der Arbeit mit niemandem mehr sprechen lässt – obwohl ich die Arbeit mit Kindern wirklich liebe. Das stundenlange Sitzen in einem Seminar, wobei mir der Schmerz durchs Rückgrat ins Hirn wandert. Die Liste ließe sich noch sehr weit fortführen.
Vielleicht schafft ein solcher „Awareness“-Tag, welchen Themas auch immer, einfach mal Raum für alle Betroffenen, darüber zu erzählen, was uns so beschäftigt. Ein Gefühl davon, jetzt mal aufzählen zu dürfen, worum es eigentlich geht. Vielleicht kommen wir uns auch als Gleichgesinnte noch mal näher.
Migräne ist eine Reizverarbeitungsstörung. Unser Gehirn arbeitet einfach ständig auf Hochtouren und vergisst, auch mal wieder runterzufahren. Reize schlagen geballt ein und halten unsere Sinne so sehr auf Trab, dass es schnell zu viel wird. Blinkendes Licht, durchdringende Geräusche oder Emotionen von außen wie von innen können uns aus der Bahn werfen. Die einen Betroffenen bekommen von ihr vielleicht drei Mal im Jahr Besuch. Bei anderen, so wie bei mir, schaut sie einige Male im Monat vorbei. Mal nur als leichteres Drücken und Pochen, mal mit Übelkeit und Wortfindungsstörungen, mal simuliert sie ein Messer, das mir von vorne bis nach hinten durch im Kopf steckt. Licht, Geräusche und besondere Gerüche mag meine allerdings meist nie. Mal bleibt sie ein paar Stunden – mal ein paar Tage. Sie hat viele Gesichter.
Kein Jammern – kein Klagen. Nützt ja eh nix 😉 Es ist einfach mal ein Schildern dessen, was Teil meines Lebens und des Lebens anderer Betroffener ist – sichtbar machen eben. „Awareness“schaffen; evtl. Nichtbetroffenen ein kleines Bild verschaffen zu können und anderen Betroffenen vielleicht das Gefühl geben zu können, verstanden zu werden. So geht es mir zumindest immer, wenn ich mich mit Gleichgesinnten austauschen darf.
Super geschrieben und verdeutlicht, auch wenn ich persönlich keine Verdeutlichung mehr benötige 😉
Aber es gibt halt immer noch sehr viele Menschen, die denken, dass Migräne „einfach nur stärkere Kopfschmerzen“ sind. Keiner der nicht direkt, oder vielleicht auch indirekt, davon betroffen ist, kann sich vorstellen welche Einschränkungen und Qualen oftmals dahinter stecken.
Deswegen finde ich diese Aktion „Mach‘ Migräne sichtbar“ durchaus sinnvoll. Toll, dass Du Dich daran beteiligt hast.
Vielen Dank! Deine Worte weiß ich sehr zu schätzen. Und Du weißt genau, wovon die Rede ist. Danke!
Wow, wirklich eindrucksvoll geschrieben. Ich finde die Aktion großartig. Das gewählte Foto allein sagt schon so viel. Dein Text übertrifft vieles was man in den druckmedien, (gibt es das Wort?) von gelernten Journalisten liest. Einfach nur :wow, gut gemacht!
Merci. ? Ja, nach etwas Zögern finde auch ich die Aktion durchaus sinnvoll.
Ich brauche dem nicht hinzufügen. Alles ist genau so, wie von Dir beschrieben. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass ich sehr oft von der Arbeit abgeholt wurde und zum Arzt gefahren wurde. Den Weg dorthin habe ich eigentlich nicht bekommen, da ich „weggetreten“ war. Es war eine sehr schlimme Zeit. Am schlimmsten war es allerdings als sich das ganze in einen 6-monatigen Dauerschmerz in meinem Kopf eingenistet hat. In meiner Jugendzeit wurde das allerdings nicht anerkannt, da mir vorgeworfen wurde, dass ich mir hier nicht einbilden sollte, da ich ja nun „Angestellte“ war, wäre ich nichts Besseres und es wäre halt „nur“ Kopfschmerzen. Nun kann ich von mir aus sagen, dass mich das Biest „Gott sei Dank“ nur noch selten aufsucht. Klimakterium sei Dank. Am meisten aber geht es mir sehr nah, dass Du diese Tortur von mir geerbt hast und das tut mir so unendlich Leid.
Ein Hoch auf die Wechseljahre! ? Das lässt zumindest alle Frauen, denen das noch bevorsteht, hoffen. Sehr gut,
Wir schön, dass die lange Geschichte der Erkrankung bei Dir eine so positive Wendung genommen hat. ??